Live aus dem Straßengewühl in Nagpur (Indien)

posted by anna

IMGP0179_smallBeep beep! Beep beep! Das ist das erste was man in Indien hört. Es ist das viele Hupen auf den Straßen, das für die erste Verwirrung sorgt (abgesehen vom Linksverkehr). Stress und Agressionen? Keinesfalls. In Indien hat das Hupen eine andere Bedeutung als in Österreich.

Gehupt wird quasi zu jeder Gelegenheit. Beim (knappen) Überholen, statt zu blinken, um zu sagen “Hier komme ich” (aber auf eine freundliche Art, mit der impliziten Bedeutung “Ich pass auf dich auf”), um andere zu warnen. Und ja, hin und wieder, aber doch eher selten, auch um seinem Ärger Luft zu machen, wenn mal jemand mitten auf der Straße stehenbleibt um sich eine Wasserflasche zu kaufen. Der Unterschied vom Hupen hier und in Europa wird jedoch sofort klar. Einige Fahrzeuge haben sogar “Please honk” hinten aufgepinselt ;-) .

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Die Straßenaufteilung ist einfach. Am Straßenrand ist entweder gar nichts, Müll, Hütten der ärmeren Bevölkerung oder Geschäfte (unter anderen auch viele Reparaturwerkstätten für Zweiräder). Hier in Nagpur sind die asphaltierten Bereiche der Straße ca. 5m breit. Selten haben sie eine Mittellinie, aber die (Geschwindigkeits-)Aufteilung funktioniert problemlos: ganz links gehen Fußgänger, Kühe, streunende Hund und anderes Getier, dann kommen die Radfahrer, motorierten Zwei- und Dreiräder und schließlich ganz rechts außen der Autoverkehr. Die beiden Richtungsfahrbanen sind durch eine niedrige Betonmauer voneinander getrennt.

IMGP0205_small Unterwegs sind viele Fußgänger, viele Radfahrer, sehr sehr viele Mopedfahrer und einige Autos. Als Fußgänger, scheint mir, muss sich sehr selbstbewusst bewegen, um überhaupt die Straße überqueren zu können. Aufpassen tut aber jeder auf jeden. Auf den ersten Blick halte ich den Verkehr hier für flüssiger, schneller und sicherer als in Wien. Dennoch sind vor allem Fußgänger und Radfahrer die häufigsten Unfallopfer im Straßenverkehr.

Apropos Sicherheit. Die wird hier abgesehen von gegenseitiger Vorsicht nicht besonders groß geschrieben. Sicherheitsgurte in Autos sind nur spärlich vorhanden und werden noch seltener verwendet. Oft sieht man Motorradfahrer (bzw. deren Beifahrer), die ihre Helme statt auf dem Kopf lieber um den Arm baumelnd tragen und nur innerhalb der Stadtgrenzen aufsetzen um Strafen zu vermeiden. Handytelefonieren am Steuer ist genauso Gang und Gebe wie bei uns.

Die verwendeten Fahrräder sind Waffenrad-ähnlich, also schwer, schwarz, alt und mit einem einzigen Gang. Beleuchtung oder Reflektoren haben sie keinerlei befestigt, und obwohl die Straßenbeleuchtung kaum (oder nicht) vorhanden ist, scheint dies alles kein großes Problem zu sein. Gefahren wir mit allem — sowohl jeder Art von Bekleidung (d.h. viele Frauen in Saris) als auch jeder Art von Last, seien es Männer oder Frauen am Gepäcksträger, mehrere Schulkinder über das ganze Fahrrad verteilt und größere Lasten. Das alles auch bei Temperaturen jenseits von 40 Grad Celcius. Respekt!

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Dennoch muss man sagen, dass das Fahrrad hier hauptsächlich das Fortbewegungsmittel der armen Leute ist. Jeder bzw. jede, der/die es sich leisten kann, schafft sich ein Moped oder Auto an. Eine Entwicklung, die sich eines Tages (wie derzeit in Europa) hoffentlich wieder relativiert, und dem Fahrrad einen eigenen, unabhängigen Stellenwert einräumt.

5 responses to “Live aus dem Straßengewühl in Nagpur (Indien)”

  1. [...] Berge!”.Wie manche vielleicht mitbekommen haben, war ich kürzlich in Indien und hab auch hier auf Velosophie und in meinem eigenen Blog darüber berichtet (bessere Fotos gibt’s mittlerweile [...]

  2. anna says:

    Zur Aufklaerung: Korrekterweise muss ich sagen, dass ich es sehr interessant gefunden haben, wie viel und wozu das Fahrrad in Indien verwendet wird. Damit meine ich aber keinesfalls, dass Radfahren in Indien besser ist als bei uns. Es hat einen Grund, wieso (meist) nur die aermere Bevoelkerung Rad faehrt. Wer nur einmal einen halben km entlang einer Hauptverkehrsstrasse (zumeist ohne Gehsteig!) gegangen ist, weiss, wie stressig und gefaehrlich der Verkehr sich anfuehlt. Strassen sind in Indien kein Ort, an dem man sich als Fussgaenger oder Radfahrer geborgen fuehlt — vor allem nicht, wenn man die Ruhe und Ordnung von europaeischen Staedten gewohnt ist. Dennoch erstaunlich, wie wenig Unfaelle hier passieren. Und interessant zu sehen, welches Potential das Fahrrad als Personen- und Lastfahrzeug hat. Ich denke, ich werde meine Fotos mal entwickeln und aussortieren und dann hoffentlich einen besseren Gesamteindruck vermitteln koennen :-) .

  3. Mediocrity says:

    Scheint mir ehrlich gesagt alles ein bisserl übertrieben begeistert. Ständig hört man von Leuten, die irgendwo ins Ausland fahren, dass dort der Verkehr so viel besser ist, alle viel besser aufeinander aufpassen usw.usf., obwohl gleichzeitig immens viele Verkehrstote gibt in den jeweiligen Ländern. Ich halte das für eine Art “Urlaubsblindheit”: was einen hier in Ö im tagtäglichen Verkehr nervt, das findet man beim entspannten Urlaubsbummel charmant und nett.

    Erst unlängst wieder, bei einer Diskussion im KfV: die Grazer haben ständig betont, wie aggressiv und rücksichtslos der Verkehr in Graz ist, und wie tolerant im Vergleich die Wiener sind – und die Wiener haben sich dagegen gewehrt und darauf bestanden, dass in Wien der Verkehr ganz furchtbar ist und in Graz total entspannt und angenehm. Typischer Fall von Major e longinquo reverentia – Aus der Ferne besehn ist alles schön.

    1. Alec says:

      Scheint mir ehrlich gesagt ein bisserl übertrieben miesepeterisch dein kommentar, lieber mediocrity… ;)
      hier haben wir einen typischen fall von: aus der nähe besehen ist alles faszinierend. und das find ich ja fein.

      1. Mediocrity says:

        Na klar ist das übertrieben miesepetrisch. Aber nur wegen der impliziten Miesepetrischkeit im Artikel: mich nervt dieses “bei uns ist alles so schlecht, anderswo ist’s viel besser”-Gerede. Klar ist’s bei uns oft nervig mit dem Radl fahren – aber trotzdem ist es klass. Und anderswo ist es natürlich faszinierend, aber dass ständig behauptet wird anderswo sei der Verkehr flüssiger, rücksichtsvoller usw. glaub ich einfach nicht.

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