Rad mit Chip: Diebstahlschutz vs. Datenschutz

posted by beatrice

Kopenhagen beginnt damit, Räder mittels Chips vor Diebstahl zu schützen, Tausende nahmen am Pilotprojekt teil. Wir fragen uns: Was genau steckt dahinter, und wie sieht’s mit Datenschutz aus?

Man nehme ein gutes Schloss, sichere die Schnellspannereinrichtungen, lasse sein Fahrrad codieren – polizeilich versteht sich – und schließe es immer an einem gut einsehbaren und ausgeleuchteten Ort ab. Dann braucht man auch keine extra und vor allem teure Fahrradversicherung. Davon hat mir mein Versicherungsmensch ohnehin abgeraten. Mit dem Hinweis, dass zwei Schlösser, davon ein gutes, mehr bringen. Es gibt sie also noch, die echten Berater. Ich habe seinen Rat nicht ganz befolgt, keine Versicherung, aber nur ein Schloss, ein gutes. Und es funktioniert seit einigen Jahren. Erst kürzlich ließ ich mein Rad über Nacht an der Urania zurück und fand es am nächsten Tag unversehrt, jedoch umringt vom traurigen Anblick vorderradloser Fahrräder vor. Pitlock sei Dank.

Pitlock

Nun vielleicht ist der Fahrraddiebstahl in Wien noch nicht so ein Problem, bei fünf Prozent Radanteil am Verkehrsaufkommen hält sich die Auswahl für Diebe schließlich noch in Grenzen. Denkt man. Allerdings findet jeder dritte Raddiebstahl Österreichs in Wien statt,  während absolut betrachtet natürlich die europäischen Fahrradstädte vorn liegen. Deshalb führt die Stadt Kopenhagen, mit einem derzeitigen Radanteil von 36 Prozent am Verkehrsaufkommen, eine Versuchsreihe mit RFID-Chips durch. Die Radio Frequency Identification-Mikrochips werden in die Rücklichter eingebaut oder mit Kabelbindern befestigt. Allerdings: wer in der Lage ist, ein Schloss zu knacken, sollte hiermit also keine Probleme haben. Die offizielle Begründung für dieses Pilotprojekt konnte man in der Zeit lesen: »Wir wollen nicht nur unseren Bürgern helfen, ihre verschwundene

n Velos möglichst rasch wiederzufinden«, sagt Anne Vang, die politisch verantwortlich für das Projekt ist. Es gehe auch darum, die Stadt rascher von den vielen herrenlosen Rädern zu säubern. »Denn die meisten der gestohlenen Velos sind nur ›ausgeliehen‹ und werden irgendwo wieder abgestellt«. Laut Statistik im selben Zeitungsartikel werden jährlich nahezu 20.000 Räder in Kopenhagen gestohlen, die Aufklärungsquote liegt bei nur 5 Prozent. Wie weiß man also das die meisten der gestohlenen Fahrräder nur „ausgeliehen“ sind und irgendwo abgestellt werden, wenn nur 5 Prozent der Raddiebstähle aufgeklärt werden?

Kopenhagen - gestohlene Fahrräder

Lassen wir mal die Zahlen beiseite, immerhin ist es doch gut wenn etwas neues ausprobiert wird. Bei den im Pilotprojekt eingesetzten Chips handelt es sich um passive, somit Chips die nicht selbst senden, sondern nur aus kurzer Distanz ausgelesen werden können. Eine verbesserte Anbringung am Rad könnte sicher entwickelt werden, jedoch ist der Spielraum nicht uneingeschränkt, da eine Integration in den Rahmen wohl die Sendefähigkeit stark reduzieren, wenn nicht ganz unterbinden würde. Und wer bereit ist sich das Knacken von Schlössern anzueignen, dem sollte man auch zutrauen, dass er oder sie sich informiert, wo die Chips angebracht werden, und wie man sie entfernt oder zumindest untauglich macht. Wenn nicht sogar umprogrammiert. Denn alles was gehackt und somit unauthorisiert ausgelesen werden kann, kann über kurz oder lang auch verändert werden. Was vielfach bereits beim RFID-Chip im neuen Reisepass bewiesen wurde. Bislang wurden laut Zeit-Artikel in Kopenhagen 42 Fahrräder mit RFID-Chips als gestohlen gemeldet, und nur eines davon wieder gefunden. Warten wir ab ob künftige Ergebnisse dieses Projektes positive Überraschungen bereit halten.

Die RFID-Chips werden bald in all unsere Lebensbereiche Einzug halten und haben es teilweise schon unbemerkt getan. So erhielt die DB (Deutsche Bahn) für die Integration eines RFID-Chips in die Bahncard 100 bereits den „Big Brother Award 2007″ vom Chaos Computer Club, um nur ein Beispiel zu nennen. Erst im Sommer dieses Jahres wurde von der EU-Kommission ein Empfehlungspapier verabschiedet, dass schnell Standards zur Nutzung festgelegt werden sollen, um Europa weltweit als Vorreiter in dieser Technologie positionieren zu können. Die Logistik setzt die Chips schon seit einiger Zeit ein, nach einer Studie des Fraunhofer Institutes noch nicht in ausreichendem Maße. Wird bald schon jeder Joghurtbecher einen RFID-Chip haben, damit die bestmöglichste Effizienz im Warenfluss erreicht werden kann? Das Umweltbundesamt warnt bereits vor dem uns bevorstehenden Müllproblem, das die großflächige Einführung der RFID-Chips mit sich bringen würde.

Doch abseits vom Müll bringt uns das Ganze Orwells Vision von 1984 immer näher. Die Einführung von RFID-Chips kann und wird in unsere Privatsphäre eindringen, wenn nicht rechtzeitig entsprechende Rahmenbedingungen für die Nutzung dieser Technologie nationenübergreifend gesetzlich verankert werden. Da das Auslesen der Chips jederzeit ohne Wissen des Besitzers erfolgen kann. Auch wenn die Diebstahlsicherung beim Fahrrad weiterhin auf passive Chips setzen würde, wird die Anzahl der Lesegeräte aufgrund der vielfältigen Einsatzgebiete der RFID-Technologie steigen. Und die Erstellung von Bewegungsprofilen jedes Menschen, der sein Fahrrad auf diese Art sichern möchte, möglich. Beim Einsatz der aktiven Chips, die selbsttätig Signale senden und somit größere Distanzen überwinden können, wäre dies umso leichter. Diese Bewegungsprofile sind für einige Branchen sehr interressant und könnten leicht – man denke nur an die Datenhandelsskandale – in falsche Hände geraten. Man nehme also das dank RFID-CHIP erstellte Bewegungsprofil, gebe ein paar Daten aus der Google-Suchemaschine hinzu, mixe noch ein paar Kontakte aus StudiVZ oder Facebook hinzu, ein paar Bankdaten und gebe als krönenenden Abschluss noch ein paar Telefonverbindungen aus der Vorratsdatenspeicherung hinzu und fertig ist der gläserene Konsument, der auf seinem alltäglichen Radweg nun auf ihn oder sie zugeschnitte Werbung aufnimmt und anschließend wie gewünscht konsumiert. Undenkbar?

Wien - codiertes RadDas ist kein Aufruf sich jeder Neuerung zu verschließen, sondern genau hinzuschauen und kritisch zu hinterfragen. Vor allem wenn Datenschutz und unsere damit verbundene Privatsphäre auf dem Spiel steht. Nicht jedes Pilotprojekt kann positiv enden, nur über „trial and error“ also entsprechende Rückkopplung können langfristig erfolgreiche Lösungen gefunden werden. Die Entscheidung über Erfolg oder Misserfolg sollte demnach auch nicht privaten Betreiberfirmen und Herstellern überlassen werden, da deren Entscheidungen möglicherweise durch die anstehenden lukrativen Aufträge beeinflusst sein könnten. Es gibt immer Alternativen. Zum Beispiel in Amsterdam, der Stadt mit 550.000 Fahrrädern und 780.000 Einwohnern. Seit 2002 wird dort die Diebstahlquote von damals 16 Prozent kontinuierlich gesenkt. Nächstes Jahr soll sie auf 6 Prozent sinken, d.h. über 50.000 weniger Diebstähle in nur 8 Jahren, wie der Tagesspiegel berichtete. Dieser enorme Erfolg wurde durch eine landesweite integrierte Fahrradpolitik erreicht, in die alle Akteure, wie Polizei, Kommune, Staatsanwaltschaft, Radverbände, Bürger, etc. eingebunden waren.

So wurde u.a. in Amsterdam die AFAC (Amsterdamse Fiets Afhandel Centrale) gegründet, eine Zentrale Sammelstelle, bei der jeden Tag rund 110 Räder angeliefert und auf Diebstahl überprüft werden. Die Räder, die nicht ihrem Eigentümer wiederfinden, werden verkauft oder entsorgt. Somit landen weniger Fahrräder auf dem Hehlermarkt. Eine Codierung zur Wiederzuordnung der Räder ist bei der Vielzahl der Räder sehr hilfreich, allerdings noch nicht bei jedem Rad gegeben. Eine derartige Codierung gibt es auch in Wien, die wird von der Polizei kostenlos durchgeführt. In Verbindung mit den regelmäßig auf Flohmärkten durchgeführten Kontrollen konnte der Diebstahl schon merklich reduziert werden. Die flächendeckende Umsetzung dieser bestehenden und funktionierenden Maßnahmen wird kurz- und langfristig mehr bringen als sich möglicherweise von medial gut inszenierten Pilotprojekten, deren Nutzen bislang noch nicht überzeugend bestätigt werden konnte, verleiten zu lassen. Das Codieren ersetzt jedoch kein gutes Schloss. Es muss ja nicht gleich ein Schloss sein, mit dem man zufällig auch noch Rad fahren kann. Allerdings macht ein Schloss ohne Anschließmöglichkeiten ebenso wenig Sinn.

Kopenhagen - Fahrradabstellmöglichkeiten

Hier ist noch großer Bedarf, um in kurzer Reichweite in Wien allerorts Radbügel in ausreichendem Maße vorzufinden. Die teilweise Überbeschilderung des Straßenraumes schafft hier zwischenzeitlich etwas Abhilfe, diese oft ungewünschte Nebennutzung ist dauerhaft aber kaum eine adäquate Lösung. Vorbeugung gegen Diebstahl ist nur Symptombehandlung und bekämpft nicht das eigentliche Übel: Warum wird überhaupt geklaut? Zur Ankurbelung der Wirtschaft in Zeiten wie diesen? Wohl kaum. Aber es gibt genug die profitieren. In Kopenhagen weigerten sich die Versicherungen, das RFID-Pilotprojekt zu unterstützen. Möglicherweise weil es nicht erfolgversprechend ist, möglicherweise weil sie infolge der Panikmache durch hohe Raddiebstähle die Abschlussquoten ihrer Hausratsversicherungen erhöhen und somit profitieren. Aber es sind (hoffentlich) nicht die Versicherungen und Radgeschäfte, die die Räder stehlen. Sind es in Wien, wie in Kopenhagen verlautbart, auch nur Leute die abends von der Kneipe nach Hause wollen? Die Citybikes-Standorte werden immer weiter ausgebaut. Aber vielleicht ist es leichter betrunken ein Rad zu klauen, als einen PIN-Code einzugeben um eines auszuleihen? Oder sind es die Banden, die im Osten damit das große Geld verdienen? Oder ganz banale Beschaffungskriminalität. Was ist die Ursache? Allgemein gesunkene Moral? Wenn im großen Stil Millionen veruntreut werden und sonstige Skandale tagtäglich in den Zeitungen zu lesen sind, aber niemand zur Rechenschaft gezogen und gerecht bestraft wird, warum soll ich mich dann noch an sowas wie Gesetze halten? Das wäre die Broken-Windows-Theorie umgelegt auf die Gesellschaft. Statt der zerbrochenen Fensterscheiben, dem Graffiti an der Wand, der zunehmenden Verschmutzung eines Stadtviertel das meist zum Anstieg der Kriminalität und oft unausweichlich zum Abdriften des Viertels führt – der oft bestätigte Zusammenhang zwischen Unordnung und Verbrechen – führt die Vielzahl der Fehltritte und Skandale der High Society, der Politiker, der Banker, etc. schließlich zur Demoralisierung der gesamten Bevölkerung?

Wem das alles zu theoretisch ist und wer selbst Hand anlegen möchte, der hat natürlich über die bereits genannten und weitere beim BMVIT (Bundesministerium für Verkehr, Innovation und Technologie) ausführlich nachzulesende Präventionsmaßnahmen noch eine andere Möglichkeit der Diebstahlsicherung. Ich konnte mich allerdings nicht dazu durchringen: Wer nicht will, dass sein oder ihr Rad geklaut wird muss es individualiseren oder ehrlicher ausgedrückt: verschandeln. Dies reicht vom Abkratzen aller Herstelleraufkleber, über Anbringen von Kratzern und Farbklecksern bis zum Ankleben von Daunenfedern. Wer die volle Palette der Möglichkeiten  ausschöpft, hat dann ein zu 99 Prozent diebstahlsicheres Rad. Könnte nur sein, dass die Verschandelung die Augen der Mitmenschen sehr schmerzt und womöglich zur Erregung öffentlichen Ärgernisses führt. ;)

Leave a Reply