Video killed the Tall Bike Star

posted by Alec

iphone-joust1Ausverkauf oder Anerkenung? Rasend schnell vollzieht sich momentan der Aufstieg der Helden und Versatzstücke des Bike-Undergrounds in die glitzernde Welt der Unterhaltungsindustrie. Black Label Bike Club goes iPhone – undenkbar? Ja, aber animierte Realität, bald auch auf deinem Gadget! Soeben wird ein Tall Bike Jousting Game für das iPhone gelauncht. Was einst nur unter dreckigen Brooklyner Brücken blutiger Spass war, ist nun ein cleanes Videogame. Und Ryan Doyle, Jousting-Goliath, mischt fest mit.

iphone_blacklabelIm Jahr 2006 sorgte der Film B.I.K.E. für einiges Aufsehen in Bike-Szene, BFF und drumherum – zu Recht. Eine harte, semidokumentarische  Story über Selbstzerstörung und Systemverweigerung einer New Yorker Bike Gang. Hauptheld war eben Doyle, hünenhafter Künstler und Bikepunk und unschlagbarer Tall Bike Jouster, also ein Ritter auf dem Hochrad, mit der Lanze auf den Gegner losgehend. Echt und brutal war die Sache, und sie machte Spaß – Nachahmer waren bald überall gefunden, auch in Wien.

iphone-joust2Fredric King, Producer mit Büro in Manhattan, hatte den Film produziert, er steckt nun auch hinter dem nächsten Verwertungsschritt: Tall Bike Jousting als Video-Applikation für ein Konsolen-Handy. Doyle – hauptberuflich auch Künstler – ist mit von der Partie, wirft sich vor Green Screen vom rostigen Tall Bike und verleiht damit dem Projekt die maximale Authentizität – und eben diese löst sich dann spurlos auf, im Flüssigkristalldisplay und seiner Game-Ästhetik.

Diese Übertragung funktioniert nicht. Der Zirkus frisst seine Löwen nicht mehr, er steckt sie in Sensoren-Anzüge und verkauft sie digital weltweit, und läßt sie dabei vergessen, dass sie nun keine Angst mehr verursachen, sondern müde Signifikate ihrer einstigen Faszination darstellen, sich selbst spielen, als Videospiel.

Get the Flash Player to see the wordTube Media Player.

Aber etwas anderes funktioniert und läßt sich auch an diesem Prozess schön erkennen: Der Mainstream saugt sich seine Spielsachen aus dem Untergrund, glättet sie und macht sie so massenkompatibel. Oder um’s mit Guy Debord zu sagen: “Die herrschende Ideologie organisiert die Banalisierung der subversiven Entdeckungen und verbreitet sie im Überfluß, nachdem sie sie sterilisiert hat.”

Andere Seite der Medaille: Diese Vorgänge haben auch ihre guten Auswirkungen-  auf den Stellenwert des Fahrrads als Verkehrsmittel und Kulturträger, auf das Ansehen ihrer Protagonisten. Sie zeigen auch das Ansteigen der positiven Verknüpfungen mit Fahrradkultur, deren Attraktivität und damit hoffentlich Steigerungen unmotorisierter Fortbewegung. Aber die Protagonisten selbst verfangen sich manchmal in abstrusen (us-amerikanischen?) Fehleinschätzungen, wie Mr.King in diesem Interview. Nein, das Videospiel wird sicher nicht als Fanal gegen Konsumismus gesehen werden – man braucht dafür ein teuer zu kaufendes technisches Statussymbol, mein Guter. Nun ja, es ist cool, auf einem Handy virtuell Schrottteile zu Tall Bikes zu schweißen, aber es bleibt: virtuell. Unecht. Glatt – wie auch eine weitere Manifestation des Bike-Movement-Marketing-Booms, dem überschönten und mit unerträglichem Bombastgedudel unterlegten Video zum Song Kings and Queens der Band 30 Seconds to Mars. Ja, die Band von Jared Leto, Hollywood-Star und Ex-Mr-Cameron-Diaz. Auch hier: Tall Bikes, Fixie-Tricks und Midnight-Ridazz-Feeling…

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