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29.May 2009posted by Alec
Mehr Raum für das Fahrrad in der Stadt: Welche Konzepte in der Schweiz bereits verwirklicht wurden, und worauf wir bei uns noch hoffen dürfen
Eine der Aufgaben der Verkehrsplanung ist es, Prognosen zur Verkehrsentwicklung zu erstellen. Eine andere, Maßnahmen zu entwickeln, um unsere Städte nicht im Autoverkehr versinken zu lassen. Keine Umsetzung solcher Konzepte, keine Lebensqualität mehr in unsereren Städten. So einfach funktioniert die Rechnung.
Wir sind gegenwärtig konfrontiert mit überlasteten Straßen, hohem Verkehrslärm und starker Luftverschmutzung. Zudem findet ein beinharter Verdrängungskampf auf unseren Straßen statt: Radfahrer flüchten vor den Autos auf die Gehsteige und in die Fußgängerzonen, dort wiederum geraten sie mit den schwächsten Verkehrsteilnehmern – den Fußgängern – in Konflikt. Das Resultat ist eine aggressive, unkooperative Atmosphäre. Was über Jahrzehnte als Lösung galt – ein weiterer Ausbau der Autoinfrastruktur –, ist heute keine Lösung mehr. Denn neue Autostraßen erzeugen bekanntlich noch mehr Autoverkehr.
Zur Bewältigung der Probleme sind neue, nachhaltige Lösungen gefragt. Erfolgreiche Beispiele aus dem In- und Ausland zeigen, dass innovative Mobilitätsangebote rasch und wirksam umgesetzt werden können. Innerhalb von nur fünf Jahren könnten wir den Verkehr in unseren Städten wieder menschengerechter gestalten. Erklärtes Ziel sollte eine rasche Wende, hin zu einer menschengerechteren Stadt, sein: Alle Verkehrsteilnehmer – Fußgänger, Radfahrer und auch Autofahrer – sollten ohne Konfliktpotenzial gleichberechtigt nebeneinander existieren können.
DAS FAHRRAD – EIN EXZELLENTES STADTFAHRZEUG
Das Fahrrad hat eine ausgezeichnete Energiebilanz, braucht sehr wenig Verkehrsfläche, ist leise und schadet nicht der Luftqualität. Zudem trägt es zu einem aktiven, gesunden Lebenstil bei. Räumen wir also dem Fahrrad bei unserem Blick in eine mögliche Zukunft einen wichtigen Platz ein.
Österreichische Städte könnten innerhalb der nächsten Jahre folgendes Fahrradangebot aufweisen:
» Begegnungszonen, in denen Straßen wieder zu Lebensräumen werden. In solchen Zonen ist das Tempo des Verkehrs den schwächsten Verkehrsteilnehmern angepasst. Als Höchstgeschwindigkeit gilt 20 km/h. Fußgänger, Radfahrer und Autofahrer – alle sind gleichberechtigt auf einer gemeinsamen, attraktiv gestalteten Fläche unterwegs. Man hat wieder Platz zum Flanieren und geht wieder gerne in der Stadt einkaufen. Gerade für Einkaufsstraßen ist dieses Modell ein Erfolg. Die Kunden sind zu Fuß, mit dem Fahrrad oder auch mit dem Auto unterwegs. Auch bei hohen Verkehrsfrequenzen organisiert sich der Verkehr selbst.
» Sichere und ausreichende Fahrradabstellplätze sowie Radstationen. Gut konzipierte Fahrradabstellplätze sind ein zentraler Bestandteil der Fahrradförderung. Platzprobleme, Raddiebstahl, Vandalismus, ein regennasser Sattel oder Beschädigungen gehören der Vergangenheit an. Wenn am Zielort solche Abstellplätze zur Verfügung stehen, wird man für den Weg zum Bahnhof, zum Einkaufen oder zur Arbeit gerne das Fahrrad nehmen. An wichtigen Orten wie an Bahnhöfen oder in innerstädtischen Geschäftszentren stehen zudem Radstationen zur Verfügung. Das sind bewachte Anlagen, die auch weitere wichtige Dienstleistungen wie Reparatur oder Radverleih anbieten. Manche Radstationen betreiben sogar einen Fahrrad- Hauslieferdienst für Einkäufe und einen Kurier für eilige Geschäftssendungen. Die Kunden haben mit einer speziellen Chipkarte Zutritt zu allen Radstationen im Land.
“Von der Autostadt zur Fahrradstadt, und das ohne hohen finanziellen Einsatz, dafür aber mit durchdachten Konzepten. Eine Vision, die keine bleiben muss, wie das Beispiel Schweizer Städte zeigt”
» Fahrrad-Hauslieferdienst: Für den Großeinkauf muss nicht mit dem Auto ins Einkaufszentrum am Rande der Stadt gefahren werden, sondern dieser kann auch im Stadtzentrum erledigt werden – ohne Auto.Das Prinzip dieses „Kofferraumersatzes“ ist bestechend einfach: Der Kunde gibt die Waren im Geschäft ab, und nach Terminvereinbarung werden die Besorgungen mit Elektro- Fahrrad und Anhänger bis vor die Haustür geliefert. Dadurch ist das Einkaufen komfortabel und stressfrei. Statt des Autos nimmt man das Fahrrad oder flaniert gemütlich und unbesorgt von Geschäft zu Geschäft. Ohne Eile und Ballast gönnt man sich zwischendurch eine Auszeit im Café. Mit dem Fahrrad-Hauslieferdienst werden wiederum die innerstädtischen Läden gegenüber der Konkurrenz „auf der grünen Wiese“ aufgewertet.
» Weitere Angebote und Dienstleistungen: Zahlreiche gut aufeinander abgestimmte Angebote runden in unserer Velo-City der Zukunft das Mobilitätsspektrum ab. Elektro- Fahrräder mit Tretunterstützung eröffnen beispielsweise Menschen mit Herz-Kreislauf- oder Lungenerkrankungen ungeahnte neue Bewegungsmöglichkeiten. Ein kostengünstiger Fahrradverleih, wie er etwa bereits in Wien oder Paris besteht, funktioniert mit Anpassungen auch für kleine und mittlere Städte. Hochwertige, sichere und gut vernetzte Radverbindungen geben dem Radfahren einen hohen Stellenwert. Auch der öffentliche Verkehr berücksichtigt die Bedürfnisse der Radfahrer, indem das Fahrrad in eigenen Waggonbereichen oder in Bussen mit Fahrradanhänger mittransportiert werden kann. Nicht zuletzt wird die Bevölkerung laufend über das Mobilitätsangebot informiert und zum Radfahren motiviert.
AUFBRUCH ZU NACHHALTIGER MOBILITÄT
In einigen europäischen Ländern sind neue und innovative Angebote und Dienstleistungen im Entstehen, und viele sind – insbesondere in der Schweiz – bereits erfolgreich umgesetzt worden. Was 1996 im Schweizer Burgdorf als „Flanierzone“ begann, ist heute im ganzen Land unter dem Begriff „Begegnungszone“ weit verbreitet. In der Begegnungszone beträgt die Höchstgeschwindigkeit für alle Verkehrsteilnehmer 20 km/h, Fußgänger haben gegenüber dem Fahrverkehr Vortritt, sie dürfen jedoch die Fahrzeuge nicht unnötig behindern. Die Niederlande, das Deutsche Bundesland Nordrhein-Westfalen und die Schweiz sind bei der Erstellung von Radstationen Vorbilder. In der Schweiz wurde 1997 die erste bewachte „Velostation“ des Landes eröffnet. Heute sind in der Schweiz insgesamt 18 Radstationen mit jährlich rund 10.000 zufriedenen Kunden in Betrieb. Man geht davon aus, dass durch den Bau einer Radstation an einem Bahnhof ca. 12.5 % der dort parkenden Autofahrer aufs Rad umsteigen. In einigen Schweizer Städten gibt es bereits einen so genannten „Velo-Hauslieferdienst“. Dieser ist meist bei einer Radstation angeschlossen und wird durch ein Arbeitslosenprogramm betrieben. Das Angebot stellt gemäss einer Untersuchung des Hauslieferdienstes Burgdorf ein beträchtliches Förderungspotenzial für das Radfahren dar: So sind 21 % der Nutzer innerhalb von fünf Jahren nach Einführung im Einkaufsverkehr vom Auto auf das Rad (+18 %) umgestiegen oder gehen zu Fuß (+3 %).
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text JULIAN BAKER
Dipl.-Ing. Julian Baker hat an der Universität für Bodenkultur in Wien studiert und ist im Berner Büro für Mobilität sowie im Vorstand des Fachverbands Fußverkehr Bern als Mobilitätsexperte tätig. Zudem ist er Redaktionsleiter der Mobilitätsplattform www.mobilservice.ch
Kontakt: baker.mobil@bluewin.ch










