:: velotravel | Cuba: Hasta la bicicleta siempre!
Mit dem Mountainbike durch das Hinterland des Socialismo Tropical.
Siempre adelante! So lautet der Wahlspruch der kubanischen Provinz Holguin: Immer Vorwärts! Kubanische Provinzen und Städte haben alle Wahlsprüche, meistens wechseln sich darin die blumigen Worte Revolucion, Rebelde, oder Heroismo ab. Nicht nur das kubanische Volk, auch wir können etwas rhetorische Unterstützung gut gebrauchen: Immer vorwärts passt da grundsätzlich bestens, sitzen Stefan und ich doch schon seit Tagen im Sattel unserer Räder, mit allem Notwendigen und keinem bisschen mehr beladen, und pedalieren über die staubigen Pisten und durch die zahlreichen Bäche der Provinz Holguin im Süden der größten Karibikinsel: Cuba, alter Brennpunkt weltpolitischer Auseinandersetzungen um ideologische Weltmacht und neuer Fokus exotischer Traumbilder von Rum, Sonne und Revolutionsromantik.
Die Provinz Holguin grenzt im Süden an Guantanamo, den südöstlichen Landesteil mit der berüchtigten Basis der USA. Sie liegt an unserem Weg. Wir werden diese sumpfige Gegend einige Tage später aus der Ferne in der flirrenden Hitze sehen können, mehr unklare Vorstellung hinter verminten Landzügen als tatsächlich vorhandenes Lager. Jetzt sind wir weit von politischen Realitäten entfernt, befinden uns nahe am Paradies, einem heißen, feuchten, steilen Idyll, dem unwegbaren Flusslauf des Rio Catalina folgend. Wir radeln unter Palmen und Farnen durch saftig grüne, hügelige Landschaften, die Sonne steht strahlend hoch über uns und lässt die Wasseroberflächen glitzern. Gestern hatten wir uns von der Carretera Central, der touristisch erschlossenen Hauptstrasse an der Küste, entfernt und sind in dünn besiedeltes aber dicht bewachsenes Gebiet vorgedrungen. Bei unseren Fragen nach der Länge des Wegs bis zum Tagesziel San Juan bekommen wir immer wieder die Auskunft: „Muchos rios!“, viele Flussdurchquerungen. Über zwanzig waren es schon heute, das erfrischt. Oft erscheint es klüger, den Fluss bergan zu nehmen, wie es auch die Traktoren morgens mit ihren vollbeladenen Anhängern tun. Sie transportieren Kinder zur Schule.
Die Nebel lichten sich: Grüne Berge, bedeckt mit Königspalmen, über fruchtbaren Tälern. Es ist gerade eine Woche her, dass wir unsere Räder im Dunkeln am Provinzflughafen montiert und bepackt haben, und doch haben wir schon viel von dieser Insel gesehen, langsam, vom Fahrrad aus, auf gleicher Höhe und in gleicher Geschwindigkeit mit den meisten Cubanos. Benzin ist sehr rar, seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion fehlt die Hauptversorgungsader der Insel, die karge Zeit des staatlichen Sparprogramms Periodo Especial und die damit einhergehende Ölknappheit hat nachhaltige Folgen: Die weltweit bekannten 50er-Amischlitten und die zahlenmäßig überlegenen, weniger bekannten Moskwitschs fahren selten. Cuba fährt viel Rad, und das kaum allein. Viele der chinesischen Räder haben vor dem Lenker Holzsitze für eine Chica montiert, Kleinfamilien reicht ein einziges Rad, Obsttransporte sind keine Seltenheit und in den Provinzstädten ersetzt das Bici-Taxi, die karibische Spielart der Rikscha, das benzinbetriebene Pendant.
Es ist heiß. Das gute: Ständig weht kühler Gegenwind. Das schlechte: Ständig weht starker Gegenwind. Auf den asphaltierten Straßen fanden wir oft für kurze Strecken Begleitung auf Rädern, neugierig, freundlich und offen wurde unser Vorhaben besprochen. Köstliche, saftige Toronjas, Grapefruits, brachten uns über manche Durststrecke. Regalo, geschenkt. Ein Bäckermeister hatte mich in sein Haus mitgenomen, um unsere Rucksäcke mit Dulce, Süßgebäck zu füllen. Manche alte Senora ließ sich nicht davon abbringen, uns den Inhalt ihrer letzten eingekühlten Flasche Agua aus dem Kühlschrank in unsere Radflaschen zu füllen. Wir hätten auch das Warme daneben genommen, aber Hospitalidad und Solidaridad werden in Kuba nicht nur vorgeschrieben, sondern gelebt – wenn die Jineteros in den Touristenstädten diese Prinzipien auch mit manifest monetären Forderungen verbinden.
Anders in den ländlichen Gebieten: Arroldo hatte uns vor vier Tagen an der Playa Carinthia entdeckt, wir hatten in verlassenen staatlichen Strandhäuschen vor dem Dauerregen Schutz gesucht, er war der Hüter der Anlage, ein wenig erfüllender Job. Da die Lebensmittelbeschaffung trotz Devisa nicht die leichteste Aufgabe im ländlichen, armen Cuba ist, waren unsere Vorräte ziemlich am Ende. Arroldo verstand die Problematik sofort, holte mit einer langen Stange zahllose Kokosnüsse von den ringsum platzierten Palmen und schwang die Machete. In Kürze waren wir mit Milch und Fruchtfleisch regelrecht abgefüllt, zur Überbrückung. Denn bald hatte er einen Companero organisiert, der wiederum Brot mit Ei organisierte, um danach die Einladung zu Fischsuppe, Rind und Reis auszusprechen. Wir tafelten also bis in den Abend am regennassen Strand und konnten nur etwas Rum beisteuern. 200 Pesos verdiene er im Monat, dazu kämen die Zuteilungen der Libretá, der Lebensmittelrationierung, und der kleine Garten. Wiederholt boten wir ihm eine uns angemessen erscheinende Summe für unser Mahl an, aber er lehnte strikt ab. Nur unser Rum schmeckte ihm vorzüglich. Dabei erzählte er, dass seine Tochter bald 15 Jahre alt werde, die Fiesta de los quince stand nächstes Jahr vor der Tür. Dies ist der größte Feiertag im Leben der Kubanerinnen, Hochzeiten finden selten und sparsam statt. Zur Quincas werden Verwandte und Freunde eingeladen und verköstigt, die Jubilarin herausgeputzt und mit 15 verschiedenen prachtvollen Kleidern fotografiert, Trova und Salsa dürfen nicht fehlen. Das verschlingt Unsummen an Pesos – dennoch nahm der stolze Arroldo keinen einzigen von uns. Nur sein Freund Riccardo hatte meine Flipflops gern behalten.
Nun sind wir schon weit von diesem Strand entfernt und platzen in eine fröhliche morgendliche Runde nahe eines Dorfes am Rio Catalina namens Naranja Dulce, süße Orange. Die Campesinas und Campesinos hatten sich schon unter einem schirmförmigen Schattendach aus Palmwedeln versammelt und ließen den Selbstgebrannten kreisen. Die Feier fände anlässlich des Internationalen Tags der Frau statt. Nicht nur dazu wurden wir lauthals lachend eingeladen und zu Reisezielen und Herkunft befragt – „Austria, Europa, Nieve??“; „Ja, bei uns liegt gerade Schnee!“ – sondern auch ausgiebig versorgt: Unsere Packtaschen waren bald mit frischgepflückten Tomaten und einer riesigen Flasche hausgemachten Orangensirups gefüllt. Daran würden wir noch schwer und lange schleppen, aber Gastfreundschaft ist eben eine gegenseitige Verpflichtung. Campesinos schenken uns Orangen, während wir im Fluss baden. Krokodile? Gäbs hier keine.
Also steigen wir wieder auf unsere Räder, beschwingt und fröhlich verabschiedet, um weiter zu radeln, über die unsichtbare Provinzgrenze im Busch, Richtung Guantanamo. Immer vorwärts! Zwei Ortschaften weiter, in Frijoles a.k.a. Bohnen, sollte uns eine Einladung zum Kaffee erwarten, im darauffolgenden Kreisstädtchen Palenque eine böse Überraschung: Auf der staubigen Dorfstraße würde uns ein polobehemdeter Dorfpolizist mit verkehrt montierten Sporen nach unserer Sondergenehmigung fragen, die uns dazu berechtigen könne, so weit von der touristischen Carretera unterwegs zu sein – und wir würden mit erstauntem Gesicht beobachten, wie er unsere Räder in Arrestzellen sperrt, unsere Pässe kassiert und vom einzigen Telefon im Ortskrankenhaus – die medizinische Versorgung in Cuba ist ja vorbildlich – nach Guantanamo telefoniert, wohin uns später ein LKW bringen sollte. Aber das wissen wir ja jetzt noch nicht. Außerdem würden wir auf besagtem LKW später Rolando kennenlernen, der uns wiederum mit polizeilichem Auftrag in stockfinsterer Nacht über bremsenverschleißende Trampelpfade per Rad nach Guantanamo bringen würde, wobei Stefans Felge brechen und Ronaldos Bruder Huén einen Radmechaniker finden und… daraufhin ginge es weiter, immer vorwärts, bis nach La Habana. Siempre Adelante!
(Autor & Fotos: Alec Hager)




