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Immer den gradestmöglichen Zickzackkurs aufspürend transportieren ungezählte Fahrradboten Briefe, Drucksorten und anderes Dies&Das von A nach B, von C nach D, von X nach Y – quer durch Wien, also. Mieze Medusa hat sich unter das fahrende Volk gemischt

Mieze Medusa

Mieze Medusa

Es ist nicht so, als würde ich jeden x-beliebigen Mythos einfach so für bare Münze nehmen. Jaja – DJs sind coole Hunde. Eh klar – Wellenreiterinnen sind flink, frank und frei. Aber sicher – Künstler sind einsame, kommunikationsgestörte Verhaltenskreative. Und sowieso – Fahrradboten und Fahrradbotinnen sind eine adrette Mischung, nämlich unkonventionell, unabhängig und unbestritten durchtrainiert. An diesem Lack wollte ich gern kratzen, ein Vorhaben, das von einem Wetter, bei dem auf einem schnellen Rad durch die Straßen flitzen eigentlich ein Privileg ist, nicht unbedingt erleichtert wurde. Zur Methodik dieses Am-Lack- Kratzens: Die Mieze hat sich auf ein Produkt placen lassen, bei dem unvorsichtiges Pedaltreten die Pedaltreterin direkt an die Stadtgrenzen führt. Die Mieze sitzt also auf einem Straßenflitzer. Außerdem wurde sie bei dem sehr sympathischen Fahrradbotendienst Spinning Circle eingeschleust. Dort wurde sie erstmal streng gemustert, weil so ein Fahrradbotenneuzugang, an dessen Lack muss ja auch erstmal gekratzt werden. Doch das umsichtige Product Placement verleiht der Mieze eine Glaubwürdigkeit, nach der sich James Bond trotz allen Schnickschnacks manchmal gesehnt haben muss, denn auch wenn die Muskeln fehlen, wer mit einem Straßenflitzer wie diesem mit der Tür ins Haus fällt, dem kann man seinen Radenthusiasmus nicht voreilig absprechen.

A BIS BOTENDIENST

Triathlon der R-Wörter: Radlen, Rumkramen, Rennen … und was sonst noch anfällt

Triathlon der R-Wörter: Radeln, Rumkramen, Rennen … und was sonst noch anfällt

Die Spinning Circle Crew bemüht sich, wie es bei einem Botendienst, der auf sich hält, sein soll, um Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, Freundlichkeit, gute Laune und um eine attraktive Preisgestaltung – Letzteres möglicherweise nicht völlig freiwillig. Die Konkurrenz schläft schließlich auch nicht. Die softeren dieser Dienstleistungsstandards zu halten, scheint leicht zu fallen, die Beteiligten machen ihre Arbeit gern und aus Überzeugung. Ein Lächeln dauerhaft auf die Lippen zu zaubern, ist kein Problem. Die Effizienz eines Botendienstes steht und fällt jedoch nicht mit dem jungdynamischen Grinsen im Gesicht, sie steht und fällt auch nicht mit dem Pumpen der Wadeln, sondern hängt am Menschen in der Dispo, der die Aufträge entgegennimmt und an die fahrenden KollegInnen weitergibt. Geld wird nur verdient, wenn möglichst viele Päckchen mit möglichst wenig Umwegen und Kilometeraufwand möglichst schnell von möglichst vielen As zu möglichst vielen Bs gebracht werden. Wenn das gelingt, freuen sich die Kundschaft, die FahrradbotInnen und der Kollege, der am Ende des Tages, des Monats oder des Quartals bilanziert. Je nach Zone hat der Fahrradbote 60 bis 140 Minuten Zeit, den Brief oder das Paket abzuliefern und den Verrechnungsscheck gegenzeichnen zu lassen. Wenn man sich vorstellt, dass auch mal fünf oder mehr Packerl in der charakte-ristischen Tasche auf Ablieferung warten, wird klar, dass hier logistisch einiges geleistet wird und dass ein Patschen zu einem ordentlichen Stress führen kann. Ein Fahrradbote, der auf sich hält, radelt nicht nur flink, er kann auch jederzeit als Boxenstophilfskraft bei der Formel 1 einsteigen. Dienst unter extremem Stress also? Nicht immer. Bei Wartezeiten im Freien wird oft in einem Buch geblättert, das überdurchschnittlich
häufig als Lieblingsbuch genannt wird, nämlich im Wiengesamtplan von Freytag + Berndt. Mein Lieblingsfahrradbotinnenroman – RunRabbitRun von Nadja Sennewald – bleibt unerwähnt, aber immerhin haben hier Menschen noch ein Lieblingsbuch. Bei Stehzeiten in der Zentrale wird am Zweitrad herumgeschraubt, poliert und repariert, oder es wird mit den KollegInnen fröhliches Routenraten gespielt.

… am Rumkramen

… am Rumkramen

MENSCHENMATERIAL IM BELASTUNGSTEST
Wenn sich nun die Güte eines Botendienstes aus der körperlichen und geistigen Fitness seiner MitarbeiterInnen zusammensetzt, wer sind dann jetzt diese FahrradbotInnen? Für mich die größte Überraschung: Die sind nicht mal so ganz arg jung. Klar gibt’s den einen oder anderen Schulabbrecher, sowieso findet man die eine oder andere Sportbakkalaureatsaspirantin. Aber die Mehrheit ist schon so richtig erwachsen, hat vielleicht schon etwas anderes gemacht, das sie an ihre Belastungsgrenzen gebracht hat. Behindertenbetreuer, Kulturarbeiterinnen und andere Selbstausbeuter und natürlich: echte Sportler, Triathletinnen, Mountainbiker, Rennfahrer etc. etc. Ein Fahrradbotendienst, könnte man sagen, ist das Callcenter der Sportbranche. Kaum einer – so die Selbstaussage – ist nur vorübergehend Fahrradbote. Entweder, du hörst nach ein paar Wochen auf, nach dem ersten Regentag zum Beispiel oder wenn die Temperatur unter Null fällt und sich der Asphalt mit diesem glatten, durchsichtigen Sicherheitsrisiko überzieht. Oder aber du bleibst für Monate oder Jahre. Auch deshalb – so immer noch die Selbstaussage – weil die eher mäßige Bezahlung den Ausstieg nicht gerade erleichtert. Sinn für (Selbst-)ironie scheint bei den Boten und Botinnen ausreichend vorhanden zu sein.

Mieze am Radeln

Mieze am Radeln


SCHWIEGERELTERNSCHRECK

Wenn wir hier jetzt schon fast über Geld reden und weil wir auch schon fast bei Unfällen und Sicherheitsrisiken gelandet sind und da wir festgestellt haben, dass die Boten gar nicht durchwegs Jungspunde in Ausbildung sind … Fahrradbote – so cool, mythenbeladen und, das Ausbleiben von Unfällen vorausgesetzt, so ertüchtigend der Beruf auch sein mag, so eignet er sich doch ganz und gar nicht dazu, die Schwiegereltern in Spe zu beeindrucken. Ab Übertreten einer lose definierten Altersgrenze eignet er sich nicht mal dazu, das andere Geschlecht zu beeindrucken. Die Frage, ob man denn davon leben kann, die in einem anderen Kontext ja auch der Mieze schon untergekommen ist, wird um die Frage, ob man denn das überleben kann, erweitert. Man kann. Es ist alles nur eine Frage der Technik. FahrradbotInnen fahren vorausschauend, reagieren umsichtig und schnell, und außerdem tragen sie Helm. Trotzdem wird die erste Behauptung, dass nämlich so gut wie nie etwas passieren würde, sofort um etliche Anekdoten von Autos, die man gar nicht gesehen hätte, von Straßenbahnen, die aus dem Nichts auftauchten, von Laternenmasten, die im Weg rumstünden, und da sei es dann doch gut gewesen, dass man einen Helm getragen habe, und um andere Unterarten der Unbill erweitert. Da passt es ja ganz gut, dass sich bei unserem Feierabendbier ein Exfahrradbote, der jetzt in Versicherungen macht, einstellt, um für seine Produktpalette zu werben. Sein Rat wird aber, der Miene des Versicherungsvertreters nach zu urteilen, viel zu selten befolgt. Einerseits passt so ein Rundumversicherungsschutz so gar nicht zum Mythos des freien, unabhängigen, mutigen FahrradbotInnenklischees, andererseits ist die Bezahlung jetzt auch nicht gerade so, dass man sich nach höheren Fixkosten umsieht. 2004 hat das Missverhältnis von Einsatz und Bezahlung zum Streik unter freien Dienstnehmern geführt. Auf eigene Kosten wurde bei einem der großen Fahrradbotendienste die Arbeit niedergelegt, als dieser von der Preiserhöhung für die Kunden nichts an die FahrerInnen weitergeben wollte. Auch ein Grund für diese bemerkenswerte Selbstorganisation ist die Gewissheit, eine sehr spezialisierte und bemerkenswerte Leistung zu erbringen. Ein leicht nachvollziehbarer Stolz auf die eigenen Fähigkeiten, der früher mal mit Handwerk assoziiert wurde. Bei Spinning Circle, und darauf legt die Crew wert, werden die Fahrer nicht pro Auftrag bezahlt. JedeR FahrerIn erhält ein Grundgehalt, der erwirtschaftete Überschuss wird anteilig auf alle verteilt. Hier rentiert es sich nicht, für eine Handvoll Euros Kopf und Kragen zu riskieren. Hochmotiviert sind die RadlerInnen trotzdem. Die Chefs sitzen selbst am Liebsten auf dem Rad. Ein Fahrradbotendienst von Fahrern für Fahrer also, innerbetriebliche Hierarchie und Neidkultur sind nicht erwünscht. Prekär ist das trotzdem: Es gibt keine Ausbildung in Sachen Radtechnik und Rechtslage, keine Absicherung im Un- oder Krankheitsfall, und die Deckelung des steuerlichen Absetzbetrages für Fahrradkilometer mit € 480 im Jahr ist ein Witz, wenn du bis zu 100 Kilometer am Tag radelst. Warum das trotzdem ein guter Job ist? Na, wegen dem Flow natürlich. Denn wenn du dich einen Tag lang durch die Stadt transportierst, da wird dann schon ordentlich Endorphin ausgeschüttet.

Endorphin – so ein allerletztes mal die Selbstaussage – ist ja nicht umsonst ein Botenstoff.

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fotos  RENE WALLENTIN
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text  MIEZE MEDUSA
Mieze Medusa ist Poetryslamfan, HipHopaktivistin, Gelegenheitsundercoverfahrradbotin und seit neustem Romanautorin – Freischnorcheln, ihr Prekariatsromandebüt ist soeben im Milenaverlag erschienen.

www.miezemedusa.com

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