Das Distanzrennen Wien – Berlin 1893
Schlaflos schneller als Pferde: 1893 fand die erste Distanzfahrt Wien-Berlin Non-Stop statt. Das Fahrrad überzeugte auf ganzer Strecke. Velosophie hat in der Frühlingsnummer das Rennen und damit den Beginn der Ära “Radrennen” rückblickend verfolgt. (Verfasserin: Petra Sturm)
Frühmorgendlicher Start am 29. Juni 1893 in Wien-Floridsdorf unter großem öffentlichem Publikumsaufgebot und Polizeischutz. Ein Jahr davor war die Distanz zu Pferd in 72 Stunden bewältigt worden, das Siegerpferd war im Ziel tot zusammengebrochen, jetzt: Die gleiche Strecke per Rad. 117 Fahrer gehen in Gruppen zu Zehn eingeteilt und von tausenden Wienern angefeuert in fünfminütigem Takt an den Start. Die Teilnehmer, entweder Berufsfahrer oder einfache Fahrradclubmitglieder, jedenfalls aber allesamt kräftige Haudegen, erscheinen bekappt, in Baumwolle und Wind und Wasser abweisendes Loden gekleidet.
Vor ihnen liegen 582,5 Kilometer. Pacemaker helfen ihnen, ihr Tempo zu halten. Sie müssen den holprigen, schlechten Straßen in Österreich trotzen, stoisch strampelnd Regen und heftige Gewitter in Böhmen aushalten und dabei stets den mit Zeichen abgesteckten Weg im Auge behalten, was manche in der Nacht trotz lichtstarker Laterne aus dem Rennen wirft. Die Vorgabe ist klar: Schnurstracks und non-stop, ohne Schlaf und Rast, an das Endziel Berlin-Tempelhof zu gelangen, abgesehen von vorgeschriebenem Halt an Kontrollstationen inklusive etwaiger dort nötiger medizinischer Versorgung, Verpflegungs-, und Reparaturmöglichkeiten. Nach 31 Stunden, einer Minute und 22 Sekunden fährt der schnauzbärtige, 32jährige Bayer Josef Fischer, eine der ersten deutschen Radsportlegenden, im Ziel ein und wird feuchtfröhlich mit einem silbernen Humpen prämiert. Der Grazer Josef Gerber wird als bester Österreicher mit drei Stunden Rückstand Drittplazierter
Die Sensation ist perfekt. Per Velociped schneller am Ziel als Sieger Graf Starhemberg samt Pferd bei dem Distanzritt auf der gleichen Strecke ein Jahr davor, an die schier unglaublichen 40 Stunden schneller! Das gab dem Fahrrad eine ganz neue Aura des Unbesiegbaren und Unverwüstlichen. Ein maßgeblicher Schönheitsfehler von Pferderennen auf große Distanzen – Strecke absolviert, Pferd tot – konnte von den Drahteseln ausgemerzt werden. Die frühen Rennmaschinen und ihre Fahrer erwiesen sich als äußerst robust und stabil, neben dem Sieg gereichte ein Zieleinlauf ohne Reifenwechsel, Nachpumpen oder sonstigem technisches Gebrechen einer Fahrrad- oder Reifenherstellermarke zum besonders nachhaltigen Qualitätsbeweis.
Das entdeckte Werbe- und Marketingpotential von erfolgreichen Rädern wurde wie im Fall von Wien-Berlin noch Monate nach dem Rennen von den Herstellern in Annoncen ausgekostet. Überregional und von mehreren Fahrradverbänden gemeinsam organisiert, war Wien-Berlin ein spektakulärer Großevent, der dem Fahrrad in gesamten deutschen Sprachraum zu einem Aufschwung verhalf, Fahrradindustrie und Tourentourismus ordentlich ankurbelte, und nicht zuletzt die beiden Großstädte näher aneinander rücken ließ, nur noch eine 32-stündige Fahrradfahrt voneinander entfernt. Das ausschlaggebende Erfolgsrezept stellte die Geschwindigkeit dar. Dem Bicycle gelang die Wandlung von der bestaunten Massenattraktion und Erreger öffentlichen Ärgernisses auf offener Straße zum optimalen Straßengefährt und damit auch zur Massentauglichkeit. Es zeigte vor allem auch: Das Fahrrad hat seine moderne Form vorläufig gefunden.
Das Niederrad hatte auf lange Sicht – auch Punkto Schnelligkeit – den Sieg über das weitaus strapaziösere Hochrad davon getragen. Die markantesten neuen Errungenschaften wie Hinterradkettenantrieb (Vorzeigemodell: der Starley Rover von 1885) und aufblasbare Gummibereifung (ab 1888 dank Mr. Dunlop) trugen zum Geschwindigkeitsgewinn bei, auch wenn die Straßenbeschaffenheit selbst – besonders in Österreich – noch jenseits von geebnet und reifenfreundlich war. Die einzelnen Radmodelle differenzierten sich weiters nach ihrer Funktionalität von der schnittigen Strassenrennmaschine mit ebenso schnittigen Namen wie etwa Puch-Racer über das kotflügelbehaftete Tourenrad zum soliden Alltagsradklassiker aus.
Die physischen Anstrengungen, denen die Distanzfahrer ausgesetzt waren, wären heutigen Radrennsportlern – abgesehen von einigen Spezial Trophies mit härterer Gangart – eher unzumutbar. Zur Zeit von Wien-Berlin schwankte die medizinische Fachmeinung über die Auswirkungen von Schweißausbruch und erhöhtem Pulsschlag noch auf Jahre zwischen gesundheitsförderlich und -ruinierend hin und her, bei den Ernährungsratschlägen gab man sich trotzdem sicher. Zu viel Trinken sollte man zwecks der Schweißvermeidung prinzipiell unterlassen. Zur Stärkung der strapazierten Rekord- und Tourenfahrer waren aber Weißwein, Whisky, Kola(!) oder ähnliche Extrakte nebst der strikten Unterlassung von kohlenhydratreichen Lebensmitteln äußerst dienlich, so zumindest laut „Handbuch des Radfahr-Sports. Technik und Praxis des Fahrrades und Radfahrens“ (1895). Der Danziger Radrennfahrer Hans Ludwig vertraute bei der Zweitauflage von Wien-Berlin 1908 auf Kaffee gegen seine Magenschmerzen, Himbeersaft mit Wasser, Himbeeren mit Reis und der Kraft von 3 ausgesaugten Orangen, um die Fahrt durchzustehen.
Die Distanz-Fahrten nehmen in der Radsportgeschichte einen speziellen Platz ein. Anders als bei den durchgeplanten Rekordfahrten, wo ein einzelne Radler unter medialer Aufmerksamkeit weite Distanzen überbrückten (so zum Beispiel 1893 St. Petersburg-Paris in 15 Tagen oder San Francisco–New York in 66 Tagen) oder organisierten Abenteuerfahrten einzelner Clubs (eine der ersten war 1869 London-Brighton), wurden diese Rennen mit Massenstart, unter der Prämisse konkurrierender Zeitmessung und unter gleichen Bedingungen durchgeführt. Etappenstopps oder Nachtruhe gab es noch nicht.
Wien-Berlin zählt zwar im Gegensatz zu seinem Vorgänger Paris-Bordeaux (1891) nicht zu den heutigen Weitstreckenklassikern und unterscheidet sich auch in Ausführung und Stil von den späteren großen Etappen-Touren wie etwa der Tour de France, die 1903 erstmalig startete. Es sind aber diese frühen Dauerfahrten, die das Rad im öffentlichen Bewusstsein die Strassen erobern lassen und den steinigen Weg für spätere weitaus reibungslosere Rennradtouren ebnen. Wer weiß, vielleicht folgt ja bald eine Neuauflage…





unwahrscheinlich, was die geleistet haben mit diesen schweren Rädern.
lg mm
ich habe ich google maps sogar eine Distanz von mehr als 600 km abgelesen.
wann gibt es die Neuauflage?